08.11.2018

Tarik Tesfu: „Du hast etwas Wichtiges zu sagen? Tu es!"

Wer sich gegen Rassismus, Sexismus oder Homofeindlichkeit äußert, merkt schnell, dass es nicht immer leicht ist, über solche Themen zu sprechen. Tarik Tesfu zeigt, dass man nicht aufgeben sollte, wenn jemand anderer Meinung ist.

“Für euch – Die wird man doch noch haten dürfen-Gang”, leitet Tarik Tesfu in einem Hatespeech-Video ein. Er wendet sich an seine Hater und zitiert gängige Beleidigungen, um zu zeigen, dass sie eben nicht in Ordnung sind. Dafür kassiert er jede Menge Dislikes, negative Kommentare und wird immer öfter in sozialen Medien vor allem zu einem aufgefordert: „Lösch dich!”

Ende 2017 haben Hacker ihm diese Entscheidung abgenommen. Tariks E-Mail-Konten und Social Media Accounts wurden gehackt und teilweise gelöscht. Private Daten sind im Netz gelandet und wurden über seine Accounts geteilt. Der Content Creator konnte seinen YouTube und Facebook-Account wiederherstellen lassen, bei anderen Plattformen hat er wieder von vorne angefangen.

Bei dem Think Big Camp XXL hat er mit den Teilnehmenden über Hatespeech und den richtigen Umgang im Netz gesprochen. Uns verrät er, was ihn motiviert online aktiv zu sein.

Think Big Camp XXL

Beim Think Big Camp XXL fragt Tarik die Teilnehmenden, wem schon mal Hatespeech im Netz begegnet ist. Keine Hand bleibt unten.

Du wirkst bei der funk-Serie Jäger & Sammler mit und setzt dich auf deinem YouTube-Kanal mit Themen auseinander, die oftmals als schwierig gelten. Wie ist deine Strategie?

Ich spreche auf meinen Kanälen das an, was mich besonders beschäftigt und wozu ich eine Meinung habe. Mir ist besonders wichtig, dass mehr Menschen die von Dingen wie Rassismus, Sexismus oder Homofeindlichkeit betroffen sind, darüber reden. Es sollten nicht nur Theoretiker mit ihren Definitionen zu Wort kommen. Ich stelle mir immer die Frage: Wie schaffe ich es, mit meiner Arbeit etwas in der Gesellschaft zu bewegen? Wenn mehr Menschen über wichtige Themen reden würden, wäre die Welt wahrscheinlich gerechter. Jäger & Sammler ist ein journalistisches Format, in dem es nicht nur um meine Meinung geht. Dort habe ich zum Beispiel schon über Fahrraddiebstahl und Organspende gesprochen.

An welchem Punkt war für dich klar: Ich muss das öffentlich machen?

Ich habe 2015 damit angefangen, es bewusst durch das Video-Format Genderkrise auf YouTube in die Öffentlichkeit zu bringen. Mein Studium der Kommunikationswissenschaften, Publizistik und Gender Studies hat mich darin bestärkt. In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung wurde mir bewusst, dass es auch für Dinge wie Rassismus eine klare Struktur gibt. Das hat es für mich zu einer Sache gemacht, die nicht mehr nur subjektiv ist. Es gab aber vor allem Menschen in meinem Leben, die mir gesagt haben: “Du hast etwas Wichtiges zu sagen? Tu es!” Das mache ich mir auch in schwierigen Situationen immer bewusst.

Mit deinen Äußerungen im Netz rufst du auch viele Trolle auf den Plan. Andere YouTuber werfen dir sogar vor rassistisch zu sein. Wie gehst du damit um?

Das Ganze hat begonnen, als ich bei Jäger & Sammler angefangen habe. Der Grund ist, dass das Format von Rundfunkbeiträgen bezahlt wird. In meinem ersten Video habe ich gängige Beleidigungen und Vorurteile zum Thema Alltagsrassismus angesprochen. Daraus wurde gemacht: Tarik hasst alle weißen Menschen und ist ein Rassist. Das stimmt natürlich nicht. Für mich war das total verwirrend, weil es so fern von der Botschaft war, die ich vermitteln wollte. Der eigentliche Tarik ist ja viel mehr als diese 2 Minuten Sendung. Man muss sich den Unterschied zwischen Kritik und Beleidigungen bewusst machen. Aber den Hass von jemanden zu verstehen, der dich gar nicht kennt ist immer noch schwierig. Fast unmöglich.

Think Big Camp XXL

Hass umwandeln? Beim XXL Camp spielt Tarik mit den Teilnehmenden Hatespeech-Bingo. Wer auf die „richtigen“ Beleidigungen getippt hat, gewinnt.

Denkst du, das Internet macht uns mutiger?

Wie jeder Raum der von Menschen geschaffen wird, hat alles einen negativen und positiven Einfluss. Mir hätten Internetforen damals glaube ich geholfen. Du kannst mit Menschen in Kontakt kommen, die du sonst nicht kennen gelernt hättest. Die deine Interessen vertreten und mit denen du dich darüber austauschen kannst. Es gibt aber auch Leute, die diese Bühne negativ nutzen und sich im Internet mehr trauen.

Wo verzichtest du bewusst auf das Online-sein?

Wenn ich neue Sachen gepostet habe. Ich habe viel zu viel über die Reaktion nachgedacht. Ich gehe dann gerne mal ohne Handy raus oder dreh mein Handy um. Aber ich bin eigentlich gerne online, das ist ja auch mein Job.

Think Big Camp XXL Tarik Tesfu

Tarik Tesfu begleitet das XXL Camp in einem Instagram Takeover.

Ende 2017 wurdest du gehackt. Deine Social Media Konten wurden gelöscht und somit deine digitale Existenz ausradiert. Wie war das für dich?

Kathastrophal war es. Erstmal habe ich die Kontrolle verloren. Da standen Dinge im Netz, die dort nichts verloren haben. Ich hatte eine Zeit lang Angst, online zu gehen und habe das Internet als Gefahr wahrgenommen. Das war der Punkt, wo ich überlegt habe: „Höre ich jetzt auf?“ Das ist aber genau das, was diese Menschen wollten. Natürlich gelten im Netz auch Gesetze, aber sie werden oft nicht umgesetzt. Die Polizei hat bei dem Hackervorfall nicht wirklich verstanden hat, was mir passiert ist.

Siehst du Social Media als Gefahr oder Chance?

Ich würde es nicht als Gefahr sehen. Es ist keine Waffe, mit der man jemanden real bedroht. Das Netz ist aber auch kein heiliger Ort. Wir müssen dafür sorgen, dass es im Internet demokratisch zugeht.

Muss man heutzutage laut sein, um gehört zu werden?

Das Netz erwartet eine gewisse Lautstärke. Aber es geht auch anders: Man muss vor allem authentisch sein. Es ist der Mix und die Vielfalt, die lauten und leisen Stimmen und eben die verschiedene Meinungen.

Hast du einen Tipp: Wie reagiert man am besten, wenn einem Hatespeech im Internet begegnet oder wenn man sogar selbst angegriffen wird?

Jeder sollte sich bewusst machen: Wer will ich im Internet sein? Dann sollte man seine Konten mit sicheren Passwörtern schützen. Es ist wichtig, nicht alles zu posten. Man sollte sich vor allem Gedanken machen, was man rumschickt. Privatsphäre ist einfach wichtig. Da sind auch Schulen gefragt, ihre Schüler_inne auf Situationen im Internet vorzubereiten. Man sollte den Täter_innen bei Cybermobbing und Hasskommentaren nicht zu viel Raum geben. Es geht darum, die Betroffenen ernst zu nehmen und ihnen die Möglichkeit zu geben, offen darüber zu reden.

Think Big Camp XXL

Tarik möchte das Internet zu einem positiveren Raum machen.

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